Portfolio (2013-2015)

GABIMOLL Katalog2013

Carsten Roth

„Du kannst nur von dem leben,
was du verwandelst“

 

Antoine de Saint-Exupéry

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung
Gabi Moll – „Transformiert“
Kunstverein Bochumer Kulturrat
4. Januar 2020 – 14. Februar 2020

Gabi Moll wurde 1970 in Hagen (Westfalen) geboren, erhielt ihre künstlerische Ausbildung 1999 – 2000 an der Alanus Hochschule in Alfter und 2005 – 2009 an der Freien Akademie der Bildenden Künste in Essen als Meisterschülerin von Bernard Lokai. Sie ist seit einigen Jahren Mitglied im „bochumerkünstlerbund“ und war zudem 2009 in Bochum Mitbegründerin des zunächst in der Diekampstraße und danach in der Bessemerstraße ansässigen, aber zuletzt aufgrund des Verkaufs der Immobilie wieder aufgelösten „Freien Kunst Territoriums“, kurz „FKT“.

Im weiten Feld der künstlerischen Stilbezeichnungen oder Gattungsterminologien würde man das Schaffen von Gabi Moll unter „Informelle Kunst“ oder „Informel“ einordnen, eine eigentlich falsche verbale Setzung, denn die Informelle Malerei zeigt überwiegend Ausprägungen, für die der Begriff der Formlosigkeit unpräzise ist respektive gar nicht zutrifft, denn Flächen, Linien und Strukturen sind selbstverständlich auch Formen.

Gleichwohl hat sich 1951 der von dem Kunstkritiker Michel Tapié geprägte Sammelbegriff „Art Informel“ für jene Spielarten der abstrakten Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt, die ihre Ursprünge in der französischen, namentlich Pariser Moderne der 1940er und 1950er Jahre haben. Gemeint sind alle von mathematischen Formzwängen freien abstrakten Strömungen der europäischen Nachkriegskunst, bei der klassische Form- und Kompositionsprinzipien abgelehnt werden. Nicht inbegriffen ist der Gegenpol der gegenstandslosen geometrischen Kunst, die man unter „Konstruktivismus“ oder „Konkrete Kunst“ rubriziert. Als direkte Wegbereiter des Informel gelten die damals in Paris ansässigen Künstler Jean Fautrier, Hans Hartung und Wols. Andere bedeutende Anreger des deutschen Informel sind Willi Baumeister, Ernst Wilhelm Nay, Theodor Werner und Fritz Winter; namhafteste frühen Vertreter des deutschen Informel sind Peter Brüning, Carl Buchheister, Emil Cimiotti, Karl Fred Dahmen, Hans Hartung, Gerhard Hoehme, Winfred Gaul, Bernard Schultze, Emil Schumacher und Hann Trier, allesamt inzwischen Klassische Moderne. Insbesondere mit Emil Schumacher verbindet Gabi Moll nicht nur eine künstlerische Haltung oder Prägung, sondern auch der Geburtsort Hagen. Thema beider Künstler ist die Eigenwertigkeit der Farbmaterie und der „Handschrift“ bei Verzicht auf Gegenständlichkeit und konstruktive Gerüste.

In seinem Buch „Die Malerei des Informel. Weltverlust und Ich-Behauptung“ definierte der Kunstwissenschaftler Rolf Wedewer 2007 „Informel“ als „keinen einheitlichen Stil Konstitutiv ist das „Prinzip der Formlosigkeit“ im „Spannungsfeld von Formauflösung und Formwerdung“.Laut Wedewer umschließt der Begriff Informel „zwei differente Ausdruckweisen – das Gestische und die Texturologien“. Mit Texturologien sind Gemälde wie namentlich jene von Jean Dubuffet angesprochen, bei denen die Verwendung von Sand, Kies oder Teer eine reliefhafte Oberfläche ergeben, während das Gestische sich auf materialunabhängige, zumeist spontane malerische Ausdrucksformen bezieht, die sich aus körperlichen Bewegungen entwickeln.

„Geste“ ist auch einer der zentralen Begriffe, die man erfährt, wenn man Gabi Moll zu ihrer Kunst befragt. All zuviele Verbalinformationen sind von ihr nicht zu ergattern; sie lieferte mir in einer E-Mail lediglich folgende charakteristische Stichpunkte: „Geste, Linie, Material, ein sich immer wieder öffnender Prozess, jedes Bild ist ein Zwischenstand zum nächsten Bild, forschen, sich ständig öffnen und immer wieder neu herangehen an die Leinwand...“.

Man merkt rasch, dass sie zu den Künstlern zählt, die weniger gern ihre Arbeiten ins Verbale übertragen und den Beschauern wortreiche Beipackzettel liefern, sondern sie macht lieber den Betrachtern ein visuelles Angebot und überlässt ihnen die Wertung und die individuelle Ausformulierung von Empfindungen.

Wenn Gabi Moll davon spricht, dass jedes ihrer Bilder ein Zwischenstand zum nächsten Bild ist, so klingt das als als künstlerischer Ansatz ebenso konsequent wie sich auch ihr Werk als extrem konsequent erweist. Das hört sich an, als gäbe es eine Art Urbild, von dem ausgehend in einer Art fortlaufender Variation das zweite Bild entsteht, aus dem zweiten wieder ein drittes und immer so weiter. Das gesamte bisherige Werk nicht etwa eine separierende Taktung mit deutlich erkennbaren, dem Zeitgeist folgenden Richtungswechseln oder unvermittelten Schwenks, sondern vielmehr ein Schaffen „aus einem Guss“ als von einem Ausgangspunkt stetig verlaufender linearer Prozess mit immer wieder neuen Formulierungen des ursprünglichen Bildgedankens. Da gibt es keine „Blaue Periode“ und keine „Rosa Periode“, sondern vielmehr ein Kontinuum, ein großes Ganzes, ein fortwährendes „variatio delectat“, bei dem immer der Weg das Ziel ist.

Aus diesem Geist heraus versteht sich auch der von Gabi Moll gewählte Ausstellungstitel „Transformation“. Er benennt perfekt im Zusammenklang mit dem vorher verwendeten Terminus „Variation“ den beschriebenen Schaffensprozess. Während „Transformation“ aber eine Umformung, Umgestaltung, Umwandlung, Umrechnung, Übertragung mit deutlicher Veränderung einer grundlegenden Eigenschaft wie etwa der Form benennt, betont der Begriff Variation in erster Linie die Ähnlichkeit und Übereinstimmung von Dingen mit der Prämisse eines mehr oder weniger großen Unterschiedes. Man könnte also sagen, die Kunst von Gabi Moll ist eine Kunst der Variation und Metamorphose und ihr permanentes Variieren des Einzelnen ist zugleich als Gesamtes eine eine konstante Transformation. Und von daher überschrieb ich diese Einführungsrede mit einem Zitat des Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry: „Ein Schauspiel ist wertlos. Du kannst nur von dem leben, was du verwandelst“ – mit Betonung auf dem „Du“.

Einen derart minimalistischen Ansatz, der das ganze Schaffen quasi als eine fortlaufende „Serie“ ansieht, mag der eine womöglich als langweilig oder eintönig empfinden nach dem Motto „Die malt ja immer nur dasselbe Bild“, der andere jedoch entwickelt Sinn für derart konsequent prozesshaftes Arbeiten und kann etwas damit anfangen, wenn ein Bildgedanke in zahlreichen Modifikationen immer wieder neu formuliert wird.

Und so erweist sich das bisherige Œuvre von Gabi Moll, aus dem unsere Ausstellung nur neue Arbeiten der Jahre 2017 bis 2019 zeigt, stilistisch-ästhetisch als sehr einheitlich und geschlossen. Alle Bilder, die kleinen wie die großen Formate, die Leinwandgemälde wie die Arbeiten auf Papier, scheinen aus demselben Geist zu erwachsen. Immer geht es um ein Verhältnis von Figur und Bildgrund, wobei man den Grund als einen farbigen Fond oder Raum und die darauf aufgebrachte gestische Malerei als Form oder Figur im Raum bezeichnen könnte. Es ist möglich, darüber nachdenken, wie sich die Figur im und zum Raum verhält, ob und wie viel Raum die Figur verdrängt oder inwieweit Figur und Raum durch prozess- und schichthaftes Arbeiten, durch Übermalen, Übersprühen oder Wegwischen ein untrennbares Miteinander ergeben.

Bei den Brushstrokes oder Formen oder Zeichen oder Gesten spricht Gabi Moll gern von „Tagesgesten“ und macht damit deutlich, dass ihre Bilder unterschiedliche Stimmungen je nach Befindlichkeit oder Tagesform einfangen. Das mutet wie eine eine Art künstlerisches Tagebuch an. ihre Kunst hat also einen selbstreflexiv-seismographischen Impetus, der auch dazu führen kann, dass eine Geste wieder weggewischt und zu einer Art Leerstelle wird. Koloristisch beschränkt sich Gabi Moll auf eine Skala von Weißtönen über fifty shades of grey bis hin zu Schwarzwerten. Knallige bunte Marktschreierei kommt hier nicht vor; wenn Buntfarben verwendet werden, dann nur akzentuierend, entweder dezent abgedunkelt oder aber in Pastellform ein blasses Rosa, ein luftiges Hellblau oder ein lindes Hellgrün.

Neben den Ausdrucksgesten, die im Arbeitsprozess jeweils mit stimmungshaften Flächenstrukturen und Farbfeldern kombiniert sind, geht es Gabi Moll immer auch um das Material: Es ist durchaus gewollt, dass die Betrachter Überlegungen anstellen, wie die Bilder technisch gemacht sind. Einfaches Abhaken als Ölgemälde oder Aquarell ist nicht intendiert. Gabi Moll liegt daran, dass man ihre Arbeiten nicht gleich einordnen kann; sie sollen neugierig machen auf die Herstellung. So verwendet sie häufig Lack. Zum Beispiel übermalt sie dunkle Gesten abschwächend und verdeckend mit hellen Flächenschichten aus Lack, bis mehr oder weniger monochrome Oberflächen entstanden sind, die die ursprünglich dominante und aktive Geste nurmehr als etwas Passives ahnen lassen. Es können weitere Arbeitsschritte erfolgen, in denen dann als neue Schicht wieder andere kleinteilige gestische Strukturen aufgesprüht werden. In anderen Werken entstehen die zuweilen druckgraphisch anmutenden Oberflächeneffekte durch eigentlich unkompatible Techniken respektive sich abstoßende Materialien, indem etwa Tusche auf Lack aufgetragen und danach teilweise wieder abgewischt wird.

Zusammengefasst lässt sich das Schaffen von Gabi Moll sehr gut mit einem „Weniger ist mehr“ apostrophieren, denn an ihren Arbeiten ist so gar nichts Lautes, nichts Aufgeregtes, nichts Effekthaschendes, nichts nach Aufmerksamkeit Schreiendes. Vielmehr fasziniert bei diesen Bildern das Ruhige, das Asketische, das Kontemplative – eine Art Zen für die Augen.